Wenn ich raussehe, sehe ich die Meisenknödel. Sie wiegen so sanft im Wind. Die Nachbarskatze jagt die zweite Nachbarskatze. Es klingelt. Die Müllmänner rollen die Tonnen aus dem Hof. Letzte Schneereste verbergen sich in Ecken. Der Winter ist weg. Optisch. Gefühlt ist er noch da. Ich empfand ihn, den Winter, nicht als gefährlich. Gewartet habe ich auf den Sturm. Aber der Sturm kam nicht. Nicht mal ein Windhauch. Schnee fiel vom Himmel und Hysterie tropfte aus dem Fernsehempfangsgerät. Hysterie kann man nicht aufwischen. Sie versickert im Teppich.
Ich kann mich erinnern, am Tag bevor der Sturm kommen sollte, versank ich mit der Hysterie im Teppich. Und als eine versprochene Live-Schaltung zum Wettermann nicht gemacht wurde, stolperte ich über die Teppichkante und landete mit dem Kopf im von Hysterie durchsickten Teppich und schrie „Warum schalten die jetzt nicht um? Ich will den Sturm sehen!“.
Kein Sturm kam. Samstagabend, Tage später nach dem Sturm, der hier keiner war, aber anderorts meterhoch die Landschaft in Ruhe tauchte, Schneefall im Dunklen. Ich starrte hinaus. Dicke, weiße Flocken kamen vom Himmel. Tage zuvor, ein Land versunken in Schnee und sprachlos vor Hysterie von einer Dicke wie Grafschafter Goldsaft. Die Bahn kollabierte. Die Inseln schneiten ein. Nichts da, moderner Mensch. In die Knie. Petrus klopfte sich in der Wetterküche auf die Schenkel. So wird es gewesen sein. Dort oben, während ich sehnsüchtig wie ein Kind am Fenster hin und auf den Schnee wartete, während der Teppich sich auflöste.
Mein rechter Fuß schmerzt. Er schmerzt jetzt immer. Wenn das Wetter wechselt. Neulich, ach neulich, ist schon wieder drei Monate her. Wie die Zeit vergeht. Ich trat in der Disko ins Leere. Schön geschminkt habe ich sie, die bittere Wahrheit. Ich hab’ es eine Nacht noch einmal versucht, mit dem Ausgehen. So richtig Rock and Roll. In jener Nacht knickte ich mit dem Fuß beim Dancen um und zog mir einen ordentlichen Bänderriss zu. Es war die Nacht, in der ich mal gucken wollte, wie Jan Delay, der Nasalking of Germany, so in Echt ist. Total doof war er und der Fuß ist seitdem hin. Jeden Morgen merke ich in der Dusche, wie er ziept. Oder ist es das Alter? Krieg ich jetzt auch Rücken?
Nur ein zwickender Fuß bei Wetterwechsel. Don’t worry about it. Pop will eat itself. Manchmal versuche ich es einfach mal noch. Texte mit Sätzen mit Geschichten, aber in letzter Zeit ist der Kopf so leer, weil er so voll ist, mit Gedanken an gestern. Und an morgen. Was da noch alles kommen mag. Jetzt, wo gestern draußen ist. It’s getting dark outside. Klingt theatralisch, ist aber wahr.
Abschied nehmen von etwas, was etwas anderes war, als man dachte, was es ist, ist ekelig. Während man also geht, fällt der Vorhang. Es ist wie, wenn der Schnee verschwindet, wenn er nur in den letzten Ecken rumhängt. Erst ist er wunderbar, er schluckt jeden Laut. Wenn es gut geht, ist er ein paar Tage da. Trocken…und knirscht. Aber nicht lange weiß. Irgendwann kackt der erste Hund rein, der Nächste tritt rein und der Dritte schmeißt einen Döner drauf. Vorbei ist es mit dem schönen Schnee. Dann schmilzt er weg. Nur der Dreck bleibt. Und so ist es auch mit den Dingen, die anders waren, als sie waren. Erst waren sie wie hübscher Schnee. Eine jahrelange Schneeblindheit ist also die Folge. Vor lauter Weiß sieht man gar nichts mehr. Dann kommt der Dreck. Dann tut der Fuß weh, dann kommt endlich ein richtiger Winter, alle frieren sich endlich mal so richtig den Arsch ab und ich denke mir: Endlich.
If I never did it. I was only waiting, for a better moment, that didn’t come. There never could be a better moment than this one. Going fast. Coming soon. Working hard for the dream. The rest of my live is lying in front of me.
Ich war, ach nein, ich bin so voller Sehnsucht nacht Analogen Echtzeittagen.. Aber: endlich bin ich angekommen. Gerne würde ich ja jetzt eine Geschichte über meine nervigen Assi Nachbarn schreiben, die wo ich seit Tagen, Wochen akkustisch „beobachte“. Ihre Waschmaschine gibt meiner Wohnung zwischendrin das Gefühl, wir seien der Maschinenraum einer Boeing und die Laute, die durch die Wand kommen, nerven den ganzen Tag. Man kommt zu nichts. Man starrt gegen die Wand und will am liebsten mal richtig durchgreifen. Dann aber habe ich die Assis in Echt im Kiosk erkannt. An der Stimme und dem Klingelton, welche ich ja durch die Wand schon kenne. Vokuhila, blond gefärbt. Die Sorte, wo Hochdeutsch können müsste, aber anpassungsfähig ist wie ein Waschbär. Und perfekt Kalker Slang spricht. Waschbären sind aber schöner. Das versteht sich von selber. Aber von da an hatte ich keine Lust mehr, mal rüber zu gehen und eine Art kleiner Bergpredigt zu halten. So von wegen Ruhe und so. Ich ziehe einfach in spätestens drei Monaten in die Walachei. Dann ist es vorbei mit „Ey, Alter ey, fick Disch!“. Would someone rescue me for a while? Move over. My time has come.
Ungeordnet traben die Buchstaben umher, da fängt man mit Meisenknödeln an, galoppiert eine lange Strecke über traurigen, gerissenen Asphalt und endet dann bei einer Wand, die anscheindend scheiße gebaut ist. Und daher nimmt man seit der Hausrenovierung nebenan direkt mal am Leben der Nachbarn teil. RTL ist nix dagegen.
Am Ende fällt mir nur diese Zeile aus dem Lied ein, was mich den ganzen Tag begleitet: Love was all we ever wanted.
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