Best of. Ich schiebe ein paar vergessene Geschichten wieder nach vorne.

Milieudienst verhuurt duizendste groencontainer*. Ein Bierkätzchen auf dem heißen Blechdach. Don’t mention the war. These are those Germans. Fragmente aus sieben Tagen voller Analoger Echtzeit

Der Tatort um viertel nach acht markiert ja eigentlich den Sonntag. Habe nun bei sinnlos angetriebenen Recherchen entdeckt, dass eigentlich jeden Abend irgendwo ein Tatort läuft. Stellt man sich geschickt an, kann man also jeden Tag ein Sonntagsgefühl simmulieren. Ich war nahe zu 60 Minuten völlig Begeistert von meiner Entdeckung.

Draußen Regen. Seit der Rückkehr von unserer kleinen Europareise hatte sich die Sonne verabschiedet. Donnerstags auf dem Weg durch eine Wand voll Regen im ersten Zipfel Belgien, direkt hinter der Maas, gestrandet. Die Wand aus Regen zwang uns im Hotel Restaurant ein illustres Schauspiel zu erleben. Wir und die anderen. Unsere und deren Sprache. Belgien, dieses sprachgebeutelte Luder schlug zu. Überhaupt hat mich Belgien sehr überrascht. Was ich in zwei Jahren französisch nicht lernen wollte brachten mir die Frankophilen Belgier in zwei Tagen bei.

Kurzzeitig war ich absolut der festen Überzeugung, Europa ist total toll, aber funktioniert nur im Kopf. Denn in Echt ist es vor allem vielleicht in Belgien ein verrückter Clash. Deutsche Stadtteile beglischer Städte mit Französischen und flämischen Namen, eine Handvoll spricht dann doch auch noch Niederländisch. Deutsch verstehen doch noch eine Menge mehr, als man ahnt. Ausgeliefert im Borderclash der Sprachen die keine Grenzen kennen. Europa. Du wahnsinnige Idee. Aber es war ein toller Ausflug über Straßen mit Höchstgeschwindigkeit neunzig. Wenn überhaupt. Und es ist so gemein, wenn wir reden, verstehen die immer alles. Wenn die reden, wir nur Bahnhof. Merde au lait.

Ein an jenem Wochenende zeitgleich in Brüssel stationierter Freundestrupp ahlte sich derweil im Brüsseler Nachtleben und brachte so schöne Sätze wie “I dont’t understand the whole concept of going home” mit Heim. Im Angesicht der Brüsseler Morgensonne turnte mein liebes Bierkätzchen über die Dächer von Brüssel und rettete der internationalen DJ-Szene den Arsch.
Das nächste Ding ist sowieso Jumpstyle. Habe ich mir überliefern lassen.Soweit so gut, in der Paralellwelt wird immer noch in der Taktung eines Chinesischen Tischtennismeisterschaftkampfes gelebt.

Dann also irgendwann der Tag namens Dienstag. Another day with zuviel Zeit. Schreibe mal wieder mehrere Bewerbungen und kann mich dabei selbst kaum noch ertragen. Neulich habe ich eine so nette Absage von so einer vier Köpfigen PR Klitsche aus Köln bekommen, dass ich kurz Krupp Bomben werfen wollte. Man schrieb mir, ich habe für ein Volontariat im Bereich PR einfach nicht genug Erfahrungen. Ich frage mich so langsam, welchen Mensch der alles kann und alles weiß und nix kostet, diese Arschgeigen da draußen suchen. Eine Bekannte, die in Personalvermittlung macht, hat mir sowieso gesagt, die sind gerade alle wie Schweine. Sie hat jetzt inzwischen einen Tussi Ordner, denn manche Chefs fordern knallhart Ärsche zum anpacken. Tussis unter dreißig. Denn zu Hause hätten sie ja schon Altenheim genug. Die Welt ist einfach schlecht und ungerecht. Als ich vor einigen Wochen mal mit einer Agentur telefonierte, wollten die eine Aushilfe für den Telefonempfang in Teilzeit mit nem Hochschulabschluss in zum Beispiel Kommunikation und am besten fünf Jahren Berufserfahrung. Für halbtags Notizen machen, wenn wer angerufen hat. Großer Gott.

Dann rauscht der Club der Bösen Mädchen auf Pro Sieben an mir vorbei, wie weißes Rauschen. Draußen immer noch unbeständiges Wetter, oben im vierten Stock Rohrbruch oder so und darum gerade kein Wasser. Was solls. Ich werde es überleben. Der Dienstag geht vorbei und ein Mittwoch folgt auf dem Fuße. Gegen Nachmittag absinken der Betriebslaune. Zwei Absagen durchs Telefon geflötet. Gegen 17 Uhr kommt der Gedanke nach Bier. Gegen Abend dann auf zum Bierrettungsschwimmen mit dem Bierkätzen. Schlecht gelaunt ziehen wir durch die Innenstadt. Da ich die Toleranz abgeschafft habe, wettern wir gegen alles. Fußgänger. Rentner. Immigranten Kids. Zaunpfosten. Selbst die Liegestühle sind uns zu blöde.

Wir liegen da, in diesen viel zu tiefen Liegestühlen und schauen auf die Autos die sich über den Asphalt an uns vorbeiwalzen. Stell Dir vor, es wäre das Meer sage ich. Kurz schließe ich die Augen. Ich wünsche mir Analoge Echtzeittage. Mit dem Geruch wie Heu. Tage die riechen wie Sonne. Der Geruch von frisch gemähtem Gras. Das Zirpen der Grillen. Grillen hören mit ihren Beinen. Ich wünsche mir Tage, an denen die Nacht schläft. Tage wie früher, ohne Sorgen vor den Morgen. Analoge Echtzeittage. Ich muss irgendwie in den Neunzigern anrufen, ob da noch was übrig ist. Vielleicht krieg ich bei Rudis Resterampe noch günstig etwas Analoge Echtzeit.

Gegen fast Mitternacht liege ich zu Hause. Sinniere über das Wortgebilde “te huur” und “verhuren”. Als wir aus Belgien rausfuhren, aus LüttichLiegeClash raus, in die Ardennen hinein, kamen wir über eine Hurenstraße wie sie schöner nicht sein konnte. Im doppelten Sinne. Einerseits Damen auf Barhockern in Schaufenstern. Alles in kleinen Dörfchen am Straßenrand, mon amour und so ein Quatsch. Da saß dann auch eine Hure mit langen blonden Haare, mit großer, schwarzer Rahmenbrille und las eine Tageszeitung und sah ziemlich angeödet aus. Irgendwie war die Hure viel zu hübsch sagten wir. Eine zu hübsche Hure auf der Straße der Huren. Übrigens mittendrin, zwischen all den Dörfern und Clubs der Liebe: Eine Kaserne. Alles klar.

Wir sinnierten schon auf der Fahrt hinein in das Bermuda Dreieck der Benelux Länder über das Verb “vermieten” auf Niederländisch, Hure muss ja irgendwie von da kommen. Leider ist die Informationsaat zu diesem Wort irgendwie Mau. Wikipedia ziert sich etwas. Seltsam die Sache mit den Hurendörfern an der Hurenstraße von Belgien nach Deutschland. Die Häuser, allesamt schnucklig mit Vorgarten, aber auf dem Dach ein fettes Club Tropicana. An vielen Nachbarhäusern prankten Schilder von belgischen Immobilienfritzen. Te huur. Mon Amour.

Jetzt inzwischen schon Donnerstag. Texte wachsen irgendwie zäher. Nichts mehr von Speedy Gonzales auf der Tastatur. Aber denken geht noch, nur jetzt länger und tiefer. Nicht unbedingt schlecht. Ich schaffe es ja nicht mal mehr, eine Nacht durchzumachen. Wie habe ich das eigentlich geschafft? Keine Ahnung, ist mir jetzt aber egal, ich versuche gerade einem gefühlten Becken voller Depression zu entkommen. Dieses Becken tat sich gestern auf, als die Absagen via Telefon empfangen wurde. Merde au lait, was für ein Dreck. Wahnsinn. Aber jetzt nicht durchdrehen. Am Donnerstag muss man sich zusammenreißen, auch wenn der Mittwoch meinte, er müsse einen Abgrund bieten.

Aber es war ein schwerer Tag. Ich wollte nicht aufstehen. Und ich wollte weinen. Das verging mir aber schnell, weil das Fernsehprogramm am Morgen schon so schlecht war, dass ich aufstehen musste um den Stecker zu ziehen. Außerdem war ich auf einen Freundschaftsbesuch in der heimlichen Hauptstadt des Potts verabredet. Duisburg. Aber auch dort verfolgte mich der Beckenmeister des Beckens voller Depression. Ich wollte nicht so recht.

Jetzt gegen Abend geht es etwas besser. Fuck the crisis, denke ich mir. Wird schon irgendwie werden. Gestern habe ich übrigens die tollste Geschichte aus dem Arbeitsleben ever gehört: Ultra Gleitzeit. Das ist ganz super. Da muss man dann nur noch ins Büro kommen, wenn was ist. Eigentlich bleibt man also zu Hause und hängt rum. Ich simmuliere mir nun selber Ultra Gleitzeit. Außerdem bekam ich den grandiosen Tipp, auf mein Jammern “Ich finde keine Arbeit”, “Du, schreib doch mal nen Blog!”. Ja! Das ist es! Da wäre ich ja selber niemals drauf gekommen. Wir mussten alle ganz schön lachen. Bierkätzen verschluckte sich fast am Weizen und für einen Moment waren alle Sorgen vergessen.

Taktung des Lebens nach Fernsehlandschaft ist ein Übel, welches einen nach zuviel Zeit irgendwann einholt. Alle Bücher sind gelesen, die ich zu lesen hatte. Selbst Charles Dickens mit Große Erwartungen habe ich nun geschafft, aber ich bin mir noch nicht sicher was ich davon halten soll. Eventuell kommt das noch. Man weiß ja nie. Taktung nach TV. Heute die Kinder die nach Sibirien geschickt werden. Komisches Format. Aber nix geht gegen diese neue Show von Till Schweiger. Also ich selber konnte das gar nicht gucken, aber jemand anders hat das für mich gemacht. Ich habe es versucht, aber ich musste nach ca. 10 Sekunden davon weg, ich musste umschalten, der Fremdschämfaktor war zu fies.

Der geklaute Satz der Woche ist aber aus diesem Grund der phänomenalste Schwachsinn seit dem sechzig Euro Frühstück im Radisson in Brüssel: “Als Schauspieler brauchst Du Deinen Kopf nicht. Dein Kopf stört”. Merde au lait, ich dräh dorsch.

Im Übrigen frage ich mich, warum so hochklassige Hotels es wagen, Rührei aus der Tube zu servieren. Das letzte Kapitel in Sachen Belgien. Wir also so Samstag schlaftrunken so zum Frühstück runter. Die nette Dame so: please sign here. Ratatam, ratarata. Sechzig Euro. Und da war es zu spät. Es war gebucht und wir also auf in den Kampf. Aber es gab nix was den Preis rechtfertigte. Der Speck hatte nur kurz die Höhensonne gesehen und das Rührei kam aus der Tube, vielleicht war es nie in einem Huhn.

Da guckste in die Röhre. Pustekuchen. Ich stocherte so im Tubenrührei herum und versuchte so viel Babybel zu essen um Mengenmäßig die 30 Euro für meine Frühstück irgendwann zu erreichen. Klappte aber nicht. Ich bat meinen Liebsten um ein angeblich weiches Ei und er schleppte ein so angeblich weiches Ei an. Ich köpfte es und der gelbe Dotter schwamm locker leicht im klaren Eiweiß herum. Eine zarte Schicht von einem halben Zentimeter gekochen Ei umhüllte das zarte gelbe Innere. Außerdem war es kalt. “Nicht mal Eier kriegen die hier auf sechs Minuten hin!”, moserte ich und schob das Ei auf Seite. Gegenüber sagte die Amerikanische Großmutter zu ihrer Enkelin: “These are those Germans”. L’addition s’il vous plaît.

Übersetzung für den ersten Teil der Überschrift:
*Die Umweltagentur vermietet den tausendsten Grüncontainer.

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