Mittagspause mit Kelly Family Feeling. (Milz an Großhirn).
Am Wochenende das erste Mal auf dem Weihnachtsmarkt gewesen. Es war überhaupt gar nicht schlimm. Freitagabend gab es Pasta mit Flusskrebsen und am Ende war da nur noch die Frage, wie der Flusskrebs auf den Teppich kam. Wir konnten samstags endlich mal lange schlafen. Vielleicht lag es daran, dass wir endlich mal richtig spät ins Bett gegangen sind. So wie verrückte junge Leute. In den letzten Monaten hatte sich ja das „Oma-like-früh-ins-Bett-gehen“ sehr etabliert.
Immer noch horrende Probleme mit Rechtschreibung. Werde mich dafür später selber etwas geißeln. So, wie schreibt man nun dieses mit dem geißeln richtig? Keine Ahnung. Und Freitagabend? Aneinander? Getrennt? Word sagt zusammen. Ach verdammt, blick da mal noch einer durch.
Außerdem habe ich heute wieder HTML, nee Quatsch, jetzt CSS. Oder auch: Wir machen die Oberfläche schick. Farben. Bunt. Von neun bis fünf. Ich drehe durch. Draußen ein Hauch von Winter gepaart mit einem leichten Duft nach faulen Eiern. Großartig. Der Dozent redet ähnlichen Quatsch wie in der letzten Stunde, ich sehne mich nach Valium oder wahlweise Opium. Ich weiß es nicht. Opium bringt den Opi um.
Vorhin Mittagspause. Ich zog los um Sassi und Stolli Kinderschokolade und andere nette Sachen zu kaufen. Nervennahrung. Sonst hält man das ja hier nicht aus. Im Supermarkt Großkampf. Frage mich so langsam, was los ist mit den People hier in the City. Vor mir eine Gruppe spanischer Schüler die mehrere Sixpacks Bier und Pina-Colada-Flaschen kaufen. Mittags um 13 Uhr. Der Supermarkt platzt fast im Kassenbereich. Vor mir eine Mutter mit Kind. So eine super coole Südstadtmutti die aus dem Supermarktgang eine pädagogische Nummer für ihr Kind macht. Das geht so lange, bis das Kind sich wie ein fetter Käfer auf den Boden wirft und schreit und strampelt.
Hinter mir ein verrückter Alkoholiker. Er redet die ganze Zeit mit sich selber und trägt eine Sonnenbrille. „Bin auf Bewährung. Nachher erst mal nach Hause und schön einen runter holen. Ach und dann Haschisch rauchen“. Die Südstadtmutti läuft rot an. Die Kassiererin vertippt sich. Er lacht hämisch und zählt das Kleingeld für seine Flasche Korn. Und da erinnerte ich mich. An das Kelly Family Feeling. Dämlich aber glücklich. Wieder draußen dackelte ich entspannt zurück zum Seminar. Mich hetzte nix. Der HTML-Mann war schon vor mir da unter simulierte wieder die Wichtigkeit von Farbcodes für das Arbeitsleben eines PR-Profis. Ich sang kurz das Lied von der Verweigerung und verteile die Schoki unter den anderen Kindern. HTML Codes gegen Schokolade ist eine schöne Sache. Zwischendrin sangen wir das Spargellied aus ALF und waren kurz schier wahnsinnig. Dann wechselten wir über zu Otto. „Milz an Großhirn, Milz an Großhirn“. „Ruhe und halt dich raus aus dem Funkverkehr hier!“. Hach. Wäre doch noch Wochenende. Aber nö, Montag. Ich habe einfach keinen Vertrag mit Montagen.
Samstag. Der erste Gang zum Weihnachtsmarkt war quasi sexy. Wir nahmen den am Dom. Es war Samstagmittag, die Stadt wurde von einer Menschenmasse überrollt. Vier grölende Bayern klebten direkt am Glühweinstand herum und grölten bayerische Volksweisen und kamen sich sehr schick vor. Hinter uns standen zwei gediegene Briten. Besser: Ein Paar. Not amused waren die beiden. Wir auch nicht. Wir tranken unseren Glühwein und beobachteten einen jungen Mann, der bedrohlich zwischen der Theke des Glühweinausgabefensters und der Treppe hinab unter den Dom umherschwankte. Verzweifelt sah er aus. Er hatte dieses „Ein Glühwein zuviel Gesicht“. Einen Augenblick später war er verschwunden. Treppe runtergefallen? Aufs Klo gerannt? Wir wissen es nicht.
Wir bahnten uns unseren Weg durch die Hohe Straße. Um uns herum Großkampf. Gelangweilte Ordnungsamtmenschen standen an den Fluchtwegen und warteten auf Menschen mit Lust und Mut zur Ordnungswidrigkeit. Es hatten aber bloß alle voll Bock auf Extreme Shopping. Frauen und Mädchen schreien in Handys: „Ruf mich nachher noch einmal an dann rufe ich Dich noch einmal an, dann erzähle ich Dir was ich voll Krasses erlebt habe“.
Mitten in der Masse, die vor sich hin rollte. Kein Ausweg. Sagt ein Mann zu seiner Freundin: „Also, das mit der Säge ist doch total gut. Ich bekomme die zu Weihnachten und dann kann die ja in den Keller und dann kann die jeder benutzen. Das ist doch toll, Schatz!“. Die Freundin sagt gar nichts, ihre Augen verdrehen sich eher sehnsüchtig in Richtung Wäsche bei H&M im Schaufenster. Klar, so eine Säge ist praktisch für jeden. Da kann dann jeder mal ran.
Manchmal frage ich mich, ob pünktlich zum ersten Adventswochenende ein Nervengas über der Bundesrepublik freigesetzt wird. Alle drehen durch. Menschenwalzen durchpflügen die Innenstädte und bei Saturn tragen gestandene Männer Mini-Hunde in gefakten Yves Saint Laurent-Taschen durch die CD-Abteilung und drängeln sich an der Schlange mit 50 Menschen in Richtung Ausgang. Ruft man dann erstaunt aus „Der Mann hat einen Hund in der Tasche“, bellt die Freundin des Mannes mit dem Hund zurück „Ja hat er!“. Sie hat einen Ton wie auf dem Kasernenhof drauf. Man will sie die Rolltreppe runterschubsen. Voll. Hunde und Kinder gehören zur Großkampfzeit der Wahnsinnigen in Menschenwalzen in Einkaufstraßen der Republik zu Hause gelassen. Oder bei Oma. Vor allem: Hunde gehören nicht in Taschen. Später sage ich, wie blöd ich die fand. Mein Wiesel hingegen fand es nicht so blöd von der, dass die mich anbellte, als sei sie selber ein Bernhardiner, der sein Schnapsfässchen selber geleert hatte. Ich habe am Ende einfach behauptet, dass die zu Hause sicher auch alle mal verhaut. Weil ich dann bockig war, bekam ich einen Adventskalender. Ich war umgehend sehr glücklich. Eine Frau, die neben uns stand, bemerkte dies laut und freute sich außerordentlich, dass ich mich außerordentlich freute.
Generell finde ich die Szenarien in der Vorweihnachtszeit schon großartig. Man muss einfach nur aufpassen dass der Wahnsinn einen selber nicht verschlingt. Als Zuschauer ist es wie großes Tennis. Am Ende wollte mein Wiesel Wurst, ich aber eher Crepes und trotz all dieser Gelüste entschieden wir uns, in einer Straßenbahn voller Verrückter in Richtung Schääl Sick zu gondeln. Zu Hause froren wir aufgrund der ebenfalls verrückt gewordenen Heizung. Nebenher hielten wir ein Nickerchen und warteten auf den Untergang der Sonne. Da es ja Winter ist, ging das recht schnell. Am Abend ging es mit einem Schlenker über den Vietnamesen zu Bernd Begemann.
Die beim Vietnamesen hatten auch was von dem Nervengas abbekommen. Wir hatten kaum Platz genommen und den Strohhalm vom Cocktail im Mund, da knallte man uns die Vorspeise auf den Tisch. Kaum hatten wir den Löffel nach der Vorspeise
zur Seite gelegt, servierte man uns die falsche Hauptspeise.
Weil es dem Wiesel egal war, naschte er etwas von der falschen Hauptspeise, die ihm dann prompt unter der Nase weggerissen wurde und einem anderen Gast am Ende des Lokals im Schweinsgalopp gebracht wurde. Nach gerade mal 40 Minuten standen wir leicht irritiert wieder auf der Straße. Entspannt geht anders. Wir schleppten uns überfordert von soviel Hetzerei durch die Schildergasse. Dort tummelten sich inzwischen Horden von Briten mit futuristisch anmutenden Nikolaushüten und grölten Weihnachtslieder. Die Seiten der Einkaufstraße waren über und über mit Haufen von Mc Donalds- Müllresten verziert. Erst behauptete ich, in den Cocktails wäre gar kein Alkohol drin gewesen aber in der Höhe der Neumarkt Galerie war es dann doch anders. Kein Wunder – wenn man zwei Mai Thais quasi auf Ex trinken muss, denkt man erst mal gar nicht darüber nach, was einen 15 Minuten und knapp 990 Meter später blüht.
Wir torkelten etwas durch die Mayersche und ich schaute mir ein Buch an, in welches ich mich drei Tage vorher beim Zeit totschlagen verliebt hatte. „Alle waren in Woodstock nur die Beatles und ich nicht“ oder so. Da wir schon am Vormittag geshoppt hatten, bliebt es nur beim Gucken. Dann ging es wieder mit der Rolltreppe runter und raus auf den Weihnachtsmarkt der Engel. Da war alles voll mit Menschen. Dennoch erstand ich einen Crepe mit Zimt und Zucker und war begeistert wie sich eine Dame mit Chorweiler Slang bei der Crepes- Bäckerin beschwerte, ihr Crepe sei aber nicht so dick wie der von den Menschen vor ihr in der Schlange. Crazy!
Am Ende landeten wir bei Bernd Begemann im Blue Shell. Dort war es zwar ganz nett, aber Bernd Begemann wirkte nicht so lustig wie sonst. Wir wünschten uns, er würde schick viel reden, dabei sang er einfach mehr als dass er sprach. Schade. Draußen hing ein Schild „Raucherclub“. Aber darauf folgte direkt ein Schild, auf dem zu lesen war „Vor und während des Konzerts bitte nicht rauchen“. Begemann begründete das damit, er sei die Mariah Carey der Indie Szene. Prost. Weil die Garderobe nicht in Malve sei, habe er sowieso schon einen hysterischen Anfall gehabt. Glaubte ich sofort.
Bernd Begemann hat außerdem einen neuen Tick mit den Augenbrauen, haben wir festgestellt. Nichts Schlimmes, aber wir haben es gemerkt. Wir waren nämlich wegen des gehetzten Essens beim Vietnamesen so früh da, dass wir noch dem Soundcheck beiwohnen durften. Und da entdeckten wir es: Das Zucken. Aber: Großartige Künstler wie Bernd Begemann dürfen großartige Ticks haben.
Während wir etwas froren und Bernd den Song mit Kelly-Family- Feeling sang, stellte ich fest, dass ich anscheinend schon länger zwei Meter neben meinem Ex-Freund rumstand. Eine Tatsache, die einen grübeln lässt. Es war mir anscheinend so, als habe mein Gehirn anscheinend vergessen, wer er war. Anscheinend gut. Wir warteten noch eine Weltpremiere eines Stückes ab und dann gingen wir, das Wiesel und ich, anscheinend und wirklich direkt nach Hause. Wir gingen aus Versehen eine Runde um den Block zum Taxistand, der eigentlich direkt vor dem Blue Shell ist. Anscheinend hatte mir die Kälte im Blue Shell das Gehirn geeist. Macht aber nichts. Wieder ein Abend, an dem das Wiesel und ich voll lange wach waren. Wir kamen zu Hause an und machten eine Notiz im Kalender. „Voll lange wach geblieben“. Dann schliefen wir ein.
Sonntag. Der war ruhig. Alles, was mich aus der Fassung brachte war, dass auf Vox bei „Auf & Davon“ zwei Mädchen auf dem Weg zum Pilgern über den süßen Jakobsweg begleitet wurden. Ihre erste Amtshandlung war der Einkauf von Kondomen. Ich weiß nicht, habe ich das mit dem Pilgern falsch verstanden oder die? Am Abend sehr verwirrt gewesen nach Lektüre vom neuen Christian-Kracht-Buch. Weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Ich habe alleine den ganzen Sonntag gebraucht, um zu checken, wie er das alles so meint. Gegen Abend dann Mogadischu geschaut. Frage mich, ob das alles so Sinn macht. Außerdem macht es nicht Sinn, sondern ergibt Sinn. Am Ende eingeschlafen und geträumt, meine Mutter schüttet alle meine Spielsachen auf einen großen Haufen zusammen. Werde wach, weil ich sie anschreie, sie soll das lassen.
Als der Wecker klingelt, behaupte ich, dass wir nicht raus können. Das Wiesel nicht zur Arbeit, ich nicht ins Seminar. Treppenhaus ist geklaut. Am Ende ist es doch noch da und der Montag nimmt seinen Lauf. Außerdem ist ZDF-Morgenmagazin-Woche. Das ZDF Morgenmagazin ist eine ganz schlimme Sache. Der Turnschuh-Inder und dieser ekelige Sievers machen mich bekloppt. Wenn ich dessen Stimme schon höre, laufe ich Amok im Hausflur. Da kann man nichts machen. Verdammte Scheiße, wo sind denn jetzt hier eigentlich der Einstieg, der Höhepunkt und das Ende hin? Ich weiß es nicht. Während ich grüble, wo das Ende und der Höhepunkt sind, machen Stolli und Sassi dem Wahnsinn eine schöne Liebeserklärung und singen „Börti, Börti Vogts, yeah“.
Da ruft der Dozent die Pause aus und macht das Fenster auf. Auf dass der schicke Faule-Eier-Geruch hier alle total verrückt machen wird. Und dann stifte ich alle an, als Menschenwalze durch den Supermarkt zu rauschen. Jawoll, so wird es apokalyptisch enden. Die Pause ist vorbei. Der HTML-Mann sagt immer wieder den Satz: „Ja, sie lernen hier eine neue Sprache und sie müssen bereit sein, diesen Schritt zu gehen“. Allerdings.
Wer Fehler findet, darf sie behalten.
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