Eines Tages wacht man in der Stadt auf in der man lebt. Man kam her, weil einem das Land zu weit wurde. Drama sollte auf den Tisch, wir gingen alle wie hypnotisiert in die Städte. Wir kamen eines Morgens zu uns und stellten fest, die nächste Hauswand ist nur sechs Meter entfernt. Gullis stinken. Im Sommer hält man es nicht aus. Man sehnt sich nach Gestern. Irgendwann, dann will man sie zurück die Weite der Kindheit. Doch was ist, wenn die Weite vergessen wurde?
Warum denkt niemand an später? Keiner an Jupp und Erna? Dörfer verschwinden. Alle pilgern in die stickigen Städte. Am Ende bleibt für den Rest nur Hoffnungslosigkeit. Von der Politik vergessen. Von der Deutschen Bahn vergessen. Von den eigenen Enkeln vergessen. Wenn alles vergessen ist, gibt es kein zurück. Wir leben in einer Welt, in der wir gar nicht mehr wirklich wissen, wie es ein paar Kilometer weiter aussschaut. Wir vergessen so vieles. Wir wissen so vieles nicht. Eine Reise kann völlig neue Perspektiven aufzeigen. Und viele Fragen aufwerfen.
Deutschland. Eine Bestandsaufnahme.
In den Städten wird es immer enger. Die Luft wird dicker und man kann sie nicht atmen. Besonders im Sommer und vielleicht besonders Ende zwanzig, ach Anfang dreißig, da kommt der Tag. Man fragt, sich ob man nicht besser wieder aufs Land ziehen soll. Da wo die Luft noch frisch ist.
Als Kind sagte man noch “Ich riech’ nach Draußen” – in den Städten ist der Duft verschwunden, hier kann man nicht mehr nach Draußen riechen. Nach frischer Luft und Sonne auf der Haut. Den ganzen Tag mit dem Rad unterwegs, vielleicht mal nach Hause um einen Becher voll Himbeersaft hinunter zu stürzen. Sirup aus dem eigenen Garten. Schürfwunden von Kletterabenteuern. Heute dürfen Kinder ja nicht mehr raus. Vor allem in den Städten. Sie werden verhätschelt bis zum geht nicht mehr. Können auch nicht mehr Fahrrad fahren, weil die Eltern zu viel Angst haben. Gingen wir früher ohne Probleme drei Kilometer zu Fuß zur Schule, schleppen aufgestylte Stadtmütter ihre Kinder bis zum vierten Schuljahr persönlich drei Blöcke weiter. Fahrradfahren ist nicht, aber zur Einschulung gibt es ein Handy. Kopfschütteln und die Frage, wie soll das alles Enden? Hysterische Jungmütter in den Städten und vereinsamte Dörfer.
Eine zufällige Reise mit dem Auto quer durch die Provinz in den Osten des Landes offenbart einen Fragenkatalog, der schwer zu Tragen ist. Auf der Reise in den Osten nur über die Landstraße beobachtet man erstaunliches. Verlässt man die Kölner Bucht über das Ruhrgebiet, bricht die Zivilistation kurz hinter Marl ab. Plötzlich ist man mitten auf dem Lande. Ein Ritt durch die Provinz. Am Anfang fragt man sich nichts, aber spätestens kurz hinter Münster, auf dem Stich rüber ins Weserbergland kommt irgendwie nichts. Nur Dörfer. Kleine Dörfer. Dörfer die verschwinden. Man kann das alte Leben noch sehen. Es zieht im Augenwinkel vorbei. Geschlossene Dorfläden. Aufgegebene Postämter. Aufgegebene Bahnlinien. Die Jungen sind fort, sie laben sich an zu dicker Großstadtluft und machen einen auf Karriere. Sie vergessen ganz, woher sie kommen. Jupp und Erna, Großvater und Großmutter, sie sitzen irgendwo zwischen dem Weserbergland und der Insel Usedom in den vergessenen Dörfern dieses Landes.
Bauernhöfe liegen links und rechts der Straße. Manche verlassen und leer. Traurige Gardinen hinter von der Zeit gezeichneten Fensterscheiben. Der Lack blättert, vermooste Dächer. Ein Schild, auf dem steht, nur dreißig, wegen der Kinder. Hier sind noch Kinder? Hühner staksten über die Straße. Dreißig. Wegen der Hühner. Wo kaufen Jupp und Erna eigentlich ein? Nirgendwo ein Geschäft. Auch ein paar Kilometer weiter nicht. Selbst die Diskounter haben sich hier nicht niedergelassen. Es ist einfach Nichts. Nichts da. Nichts.
Und wenn man als Großtstadtgeplagter so durch das Nichts gondelt, beginnt eine große Liebe zur Einöde. Das Herz schlägt schneller, bei jedem verlassenem Haus. Kurz nachdem man sich verliebt hat, ins Nichts, kommt eine Art Wut. Und die Frage: Warum lasst ihr das alles verschwinden?
Fährt man immer weiter hindurch durch Deutschland, lässt die Autobahn links liegen, stellt man schnell fest: Deutschland ist eine einzige Provinz. Bis auf die viereinhalb Ballungsräume gibt es hier nur Land und Dörfer. Und eine Menge Jupps und Ernas. Erkennt man dies, während man so immer weiter fährt, dann erklärt sich auch ganz plötzlich die Mentalität dieses Landes. Glasklar.
Wir sind eine große Provinz, deren Kinder hysterisch in Ballungsräume abwandern um sich einem Hyper Leben zu verschreiben, ein Leben wie ein Fertiggericht aus der Mikrowelle. Und weil die Kinder der Provinz ihren Kindern das Fahrradfahren verweigern und die frische Luft nicht da ist, versuchen diese Landflüchtlinge das auszugleichen, in dem sie Grüne wählen und beim Biosupermarkt einkaufen. Währenddessen verschwinden jenseits der Stadt die Dörfer.
Aber wir werden sie wieder brauchen. Darum sollten wir sie nicht verschwinden lassen.
Hinter Celle geht es durch die Lüneburger Heide. Sandwege und endlose Bäume. Schnur gerade Landtraßen. Alte Höfe säumen den Weg. Gewaltige Höfe mit alten Reedgedeckten Dächern. Störche in ihren Nestern. Die endlose Heide. Die frische Luft. Man kann sie riechen sie ist endlich da. Auf dem Weg in den Osten durchfährt man den Landkreis, in dem wahrscheinlich die letzte aktive Revoluzzer Kultur dieser Nation lebt. Lüchow-Dannenberg. Runddörfer eingebettet in ein Biosphärenreservat. Tapfer im Kampf gegen den Castor. Inmitten dieser Natur wollte die CDU also einfach den Atommüll abladen und jetzt kommt raus, auch das war eine ordentlich Lüge. Eigentlich voll gefährlich. Was jetzt herauskommt, wussten die Menschen dort schon lange. Eingebettet im Nichts liegen sie da, die Dörfer. Umsäumt von Wiesen und Feldern. Rehe grasen am Waldrand. Fischreiher staksten durch die seichten Teiche. Kröten wandern am Straßenrand. Otter überqueren den Weg. Wie kann man nur vergessen, wie gut es hier draußen ist. Wie kann man es nur wagen, hier Atommüll lagern zu wollen? Jedes dritte Feld ist ausgestattet mit Anti-Atom-Plaktaten. Schaufensterpuppen sind neben Heuballen drapiert und halten Stellvertretend für all die Menschen die gerade einfrig dabei sind, ihre Ernte einzuholen ein Atom Strom Nein Danke Schild in die Höhe. Das Zeichen der Proteste der angeblich schon zur Geschichte gehörenden Anti- Atombewegung ist hier aktueller denn je.
Anti ist sowieso gestern. Seit jeher auch die Frage, die beim durchfahren dieser Dörfer wieder in einem hochkommt, warum hier niemand mehr auf die Straße geht. Warum? Warum bloß? Wir fahren weiter, die Straße geht schnurgerade aus. Es geht hinüber in den Osten. Also geografisch. Hier war einmal Niemandsland. Die Elbe fließt wild durch ihr Bett. Das Straßenbild ändert sich. Kurz rechnet man im Kopf nach, zwanzig Jahre. Und man kann es immer noch sehen. Ist es gut? Ist es schlecht? Immer mehr Fragen. Hat man den Menschen hier vielleicht einfach eher alles genommen? Wer hat hier überhaupt etwas gewonnen? Die Reise geht weiter. Die Fragen wachsen.
Noch immer erschlägt einen der Anblick einer Platte. Kleine Platten, große Platten. Und dann Städte die so traurig aussehen. Wir fahren durch eine kleine Stadt, die verschwindet. Die Häuser sind alt. Sie haben keine Farbe mehr. Wir biegen um eine Ecke und plötzlich ist da ein Haus, in verblassten Lettern steht “Kolonialwarenladen” über eine farblosen Schufenster. Es ist leer. Plötzlich verlieren wir die Zeit. Wir sind im gestern. Wir fahren hindurch. Sie haben uns angelogen.
Dörfer die verschwinden. Irgendwie verschwinden sie. Manche Häuser sind liebevoll zurrecht gemacht. Bei anderen kommt die Decke runter. Bäume wachsen aus dem Dach. Bilder die an Zeiten erinnern, als man Kind war und das erste Mal bei der Ostverwandtschaft. Es war 1990. Irgendwie denkt man einfach, alle Bäume sind aus Dachstühlen verschwunden. Aber so ist es nicht.
Nun sind wir also angekommen. In Pommern. Eine andere Zeit. So fühlt es sich zumindest an. Der verklärte Großstäder romantisiert noch am ersten Tag das gesehene, am zweiten kommen Fragen auf. Immer mehr Fragen. Fasziniert fährt man über hundert Jahre alte Pflastersteine. Man fragt sich, warum hier keine Teerstraße ist. Aber dann, am dritten Tag, wünscht man sich, dass hier niemals eine Teerstraße herführt. Auch die Häuser sollen bleiben, aber kindlich naiv möchte man allen Aussenfarbe schenken. Weg mit dem grau.Häuser von vor 45. Verlassen.Verlassene Guthäuser. Graue Fassaden.

Soll man es nun so lassen? Soll man es kaputt gehen lassen? Warum hat sich erst vierzig Jahre während der DDR keiner drum gekümmert, und warum dann auch danach nicht? Alte Gutshäuser, sich selbst überlassen. Pommern. Ach, Pommern. Einsame Weiler, endlose Felder. Und plötzlich sieht man den größten Trecker der Welt. Am fünften Tag in Pommern stellt sich beim Frühstück plötzlich die Frage, was nun Schlimmer war. Für die Menschen hier. DDR. Oder Wiedervereinigung. Am sechsten Tag mag man fast denken, vielleicht letzteres. Sieht man dann noch verfallene Burgen und Schlösser, die vor sich hin gammeln, dann ist die Wiedervereinigung plötzlich kurz eine Schlimme Sache. Was denkt man sich hier eigentlich? Wir “Westler”. Wir hinterfragen sinnlos das nicht vorhanden sein einer Teerstraße. Erst im zweiten Anlauf erkennen wir den Charme von gestern, längst vergangene Zeiten. Und dann der Gedanke, wie anstrengend eine Kutschfahrt über dieses uralte Pflaster wohl war.
Plötzlich möchte man wieder Kind sein. Plötzlich versteht man die Geschichten der Alten. Die Geschichten über Sommerfrische und die Kornkammer Deutschlands. Pommern schläft einen selstamen Dornröschenschlaf und wieder all die Fragen. Es werden nur mehr. Trotz der unendlichen Ruhe, die man plötzlich so schätzt führt man ernste Gespräche über den Solidaritätszuschlag. Wo ist der eigentlich hin? Hier, in Pommern, ist er wohl nie angekommen.
Wir fahren durch die Gegend. Wir wollen alles sehen. Erst durch Anklam. Und dann die Frage: Wo sind hier die Nazis. Erst noch lustig machen, dann feststellen: Das ist hier eine Hochburg. Und die Frage: Wie konnte das bitte passieren? Eines Morgens sieht man sie dann. Die Rechten. Wir haben erst noch Witze darüber gemacht, wo sie wohl sind. Ebenso machten wir Witze über “China Döner Imbiss”. Wo so wenig Ausländer sind, muss der eine halt den Part des anderen mit übernehmen. Dann schämt man sich für so einen Mist. Man fährt durch die urigen Straßen von Ueckermünde und dann liegt es links von einem. Beschaulich in einem renovierten Haus, die Türe steht offen. Die Sonne scheint pittoresk in den Flur des Hauses. Es ist das Ortsbüro der NPD. Im Fenster klebt ein Plakat des Kandidaten. Er sieht irgendwie aus wie der junge Patrick Swayze.
Die Rechten. Und der Osten. Neger sagt man nicht. Wie ich da jetzt drauf komme? Als Kind sagte ich immer Negerkuss zum Schokokuss. Das ist jetzt politisch nicht mehr korrekt. Schokokuss. Vom Negerkussverbot hin zum schleichenden Sieg der Rechten auf dem Ostdeutschenland. Da wir im “Westen” von klein auf, von der 6. bis zur 13. Klasse gründlich gegen Nazis und rechtes Gedankengut getrimmt werden, wächst und gedeiht dieses Mistdenken im Osten so gut. Aber warum verdammt noch mal? Warum. Die Frage kommt immer wieder auf. Eigentlich sollte man hierher ziehen, man sollte irgendwas machen. Egal was. Den Leuten etwas Arbeit geben. Vielleicht. Aber vielleicht brennt dann auch direkt der Gartenzaun. Man weiß es nicht. China Döner Imbiss.Wie kann man gegen Ausländer sein, in einer Region wo es eigentlich keine gibt?Wir lernten vom sechsten bis zum zehnten Schuljahr gefühlt nur eines: Es darf nie wieder passieren. Der Holocaust. Aber das Schweigen der Alten. Die Erinnerung muss bleiben.

Warum kümmert sich hier keiner? Es erscheint alles so supekt. Nicht wirklich. Alles im Osten scheint wie aus der Zeit gefallen. An einem Tag gingen wir durch die Dörfer spazieren und sahen eine Gruppe von Menschen die Heu machte wie vor hundert Jahren. Und sie sahen dabei verdammt glücklich aus. Verdammte Verklärtheit, romantisiertes Hippiedasein. Alles egal in dem Moment. Es sah einfach so wunderbar aus.
Auf der Fahrt durch Deutschland im Sommer, vorbei an Wahlplakten, eine Fahrt von Westen nach Osten lässt einen einen gleichzeitig innehalten und Wut verspüren. Es ist verrückt. Man ist wie zweigeteilt. Eben noch dachte man, man sei dem Himmel so nah, dann fährt man nach Anklam und muss dann erfahren, die Rechten die sind hier ganz groß. Es ist deren Hochburg. Warum? Wie konnte das passieren? Ich dachte immer ganz platt, der Osten sei doch so gegen Nazi-Denke geimpft worden, wie können dann die Kinder und Kindeskinder so anfällig sein für dieses Gedankengut. Die Leere, die Leere sagen sie immer. Die Politiker. Keiner macht was. Alle labern nur rum. Was war nun Schlimmer? Wende oder DDR? Wende darf man nicht sagen. Was darf man überhaupt noch sagen. Eine Freundin aus der ehemaligen DDR sagt, ach, was habe die Wende denn ihren Eltern gebracht. Nichts. Es hat ihnen nichts genutzt. Sie sind niemals viel gereist. Sie waren einfach okayisch glücklich. Nicht verfolgt. Irgendwie rausgefallen aus der Zeit. Und nun das. Dieses Chaos. Innen und aussen, durch ein ganzes Land. Wie eine Schürfwunde die immer wieder aufgeht, weil man immer wieder an der Stelle schubbert. Was ist gut, was ist schlecht? Darf man Geschichte sich selbst überlassen? Was können wir tun, gegen das Vergessen, gegen das Verschwinden von Dörfern. Egal ob im Westen oder im Osten? Was ist mit unser Verantwortung? Was ist mit unseren Sozialen Gewissen und unserer Geschichte.
Soziales Gewissen. Wir müssen an unserem Sozialen Gewissen arbeiten. So geht es nicht weiter. Wir vergessen gerade so allerhand. Wir sind Opfer eines leeren Wahlkampfes voller Lügen. Eine Partei in deren Warteschleife “Money, money, money” von Abba läuft, verspricht Steuersenkungen und vergisst dabei die Rechnung die wir gerade alle zahlen. Zahlen. Wir überlegen kurz what can 3 billion dollars buy und schauen in verrottende Häuser aus der Zeit nach dem Krieg. Die Zeit scheint still zu stehen. Egal ob im Westen oder im Osten. Es muss sich etwas ändern. Im Denken. Handeln. Wir dürfen die Dörfer nicht vergessen, wir sollten uns nicht von den Städten aufressen lassen. Von immer mehr Leistung und immer mehr Druck und immer mehr Wahnsinn. Wir müssen alle wieder ein bisschen mehr Mensch werden. Wir sollten uns alle mal ordentlich entschleunigen. Aus der Zeit fallen. Wieder den Blick für das wesentliche entdecken. Wir sollten nicht wegschauen, sondern hinschauen.
Geschichte. Geschichte verfolgt uns auf jedem Kilometer unserer Reise. Geschichte von vor 45. Geschichte aus DDR Zeiten. Geschichten von danach. Wir dürfen keinen Teil davon vergessen. Ganze Städte verschwinden, ganze Stadtteile verschwinden. Am Prenzlauer Berg haben Immobilienhaie innerhalb von 15 Jahren komplett die Menschen ausgetauscht. Alles geht nur noch nach Profit. Und was ist mit Erna und Jupp? Wer denkt an sie, wenn sie da sitzen auf ihrem Dorf und die einzige Infrastrukturelle Eintrichtung ist ein Zigarettenautomat? Warum gibt niemand den kleinen Dingen eine Chance? Warum muss alles immer laut und Mega und City sein?
Wann wird er kommen? Der Urge Overkill. Wir ersticken am Smog in unseren Städten, die Speckgürtel werden immer fetter und wir vergessen das weite Land da draussen. Wir wollen Milch die nicht mehr nach Milch schmeckt und am besten unter 40 Cent kostet. Das ist doch alles Wahnsinn.
Wir vergessen ganze Regionen und deren Probleme. Wir fahren so weiter durch den Osten und entdecken ausser Döner China Imbissen nicht mal einen Italiener. Häuserfronten, irgendwann einmal wunderhübsch, blättern ab. Es ist trist und grau. Gerne würde ich bei Alpina anrufen und fragen, ob wir den Menschen nicht einfach mal einen Eimer Aussenfarbe spendieren. Ein vielleicht schwachsinniger Gedanke, aber dann sieht es nicht mehr so traurig aus.
Es gibt keine Arbeit. Im Osten noch weniger als im Westen. Neulich sah ich im Fernsehen einen Bericht über einen Bauer, der ein Großbauer geworden war. Er fuhr das ein, was sonst über 150 Bauern als Ernte einfuhren. Ein Mann für 150 Bauern. Was machen den jetzt bloß die anderen 149 Bauern? Deren Häuser verfallen. Dörfer verschwinden. Die Großstädte schlucken die Kinder. Spielen nur in Grünanlagen. Es blutet das Herz. Die Nachtigal singt nicht mehr. Doch auf dem Land, da zirpen die Grillen. Sehnsucht nach gestern ist wie an Mantra was die Seele vibrieren lässt. Während diese Sehnsucht im Schatten von Mirabellen aufkommt, den Kopf in Gedanken mit der Frage nach dem Sinn des ganzen. So viele Probleme. Bauern ohne Land, Menschen ohne Perspektive, aber einem schönen Vorgarten. Das klingt böse und was soll man denn tun? Was bringt es den Leuten, da zu leben wo es wunderschön ist, aber es ist keine Arbeit da. Aber keine Angst, in den Städten ist auch keine Arbeit mehr. Doch wo ist man lieber ohne Arbeit, auf dem Land oder im Moloch Stadt?
Auf dem Weg in Richtung Polen wieder Wahlplakate. Kindliche Naivität bringt mich auf den Gedanken, laut zu fragen, wie man gegen Ausländer sein kann, wenn doch keine da sind. Was ist hier schiefgegangen? Wann hat Deutschland bloß angefangen zu stolpern? Warum hat es denn keiner gemerkt?
Wir fahren durch endlose Felder, wir träumen von einem Hof im Grünen und gleichzeitig wünsche ich mir für all die vergessenen Menschen auf dem Land eine Lobby. Also eine richtige Lobby. Die ganzen Städter werden sich schon umgucken. Wenn in den Städten kein Platz mehr ist. Inmitten von Weizen und Roggen überqueren wir Sandwege, der Wind trägt den Staub der abgernteten Ähren hinüber bis zum Meer. Es ist ganz ruhig. Im Wald ist es kalt. Ein kleiner See liegt inmitten der Landschaft, wir trauen uns nicht in ihm zu schwimmen. Wir können seinen Boden nicht sehen. Das ist uns nicht geheuer. Aber es ist wunderschön. Etwas weiter, hinter dem Wald findet man dann den Hyperdome. Hier wurde sich einst voller Stolz gefeiert. Einmal für die Arbeit. Dann für die Freiheit. Kommunisteschick meets Freiheitsraveercharme.
Der Hyper Dome. Einst schmucker Bau mit Kommunistischer Kunst, dann Tempel zum frei tanzen nach dem Mauerfall, Raver Mekka der Brandenburg Allstars. Auch dieser ist inziwschen verlassen, die goldenen Neunziger sind vorbei. Bäume wachsen auf dem Parkplatz. Der Name verblasst von der Sonne. Schwalben bauen Nester auf den Köpfen der stilisierten in Stein gehauenen stolzen Arbeiter. Gegenüber alte LPG Liegenschaften. Das Korn wird immer noch geernet. Staub liegt auf unserer Haut. Die Sonne brennt. Niemand ist dort. Nur wir.

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Eine Sommerreise